Rede am 12.03.2006
Es gilt das gesprochene Wort
Der internationale Frauentag feiert in diesem Jahr 95. Geburtstag.
Er geht zurück auf Proteste von New Yorker Arbeiterinnen die erstmals 1857 auf die Straße gingen. Am 19. März 1911 wurde dann erstmals in Deutschland der internationale Frauentag gefeiert - Brot und Rosen –
Damals forderten Frauen vorrangig politische und gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten, vor allem das aktive und passive Wahlrecht.
Finnland war das erste europäische Land, das 1906, vor 100 Jahren, Frauen das Wahlrecht gewährte. Deutschland folgte 1918.
1984 kämpften wir:
- gegen Massenarbeitslosigkeit
- für mehr qualifizierte Ausbildungs- und Arbeitsplätze auch für Frauen
- gegen den Abbau von erkämpften Arbeitsschutzbestimmungen
- gegen den Sozialabbau
- gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit
- für allgemeine tarifliche Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich
- gegen Diskriminierung ausländischer Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen
- für Frieden und Abrüstung.
2006 hätten wir dieselben Forderungen auf unsere Einladung schreiben können.
Frauen sind heute bestens qualifiziert. In der Grundschule ist alles gleich; dann trenne sich die Wege. Mädchen besuchen seltener die Sonderschule als Jungen; gehen häufiger auf das Gymnasium. 56 % der Abiturienten sind weiblich. Frauen zieht es nach wie vor weniger in Handwerks- oder Industrieberufe, mehr ins Kaufmännische, Hauswirtschaft und Sozial- und Gesundheitswesen.
Fast gleich steht es bei den Studienanfängern. Aber dann! Bei den Doktoren sinkt der Anteil der Frauen auf 39 %, nur jeder 7. Professor ist weiblich. Und sobald Frauen Erfolg haben, egal ob als Unterwäschemodel, Rockstar Managerin oder Politikerin, meinen sie, eines klarstellen zu müssen: "Ja, ich habe mich durchgekämpft, aber eine Emanze bin ich ganz und gar nicht."
Mit Feminismus können die nichts anfangen, ihre lila Latzhose haben sie in die Altkleidersammlung gegeben und Probleme, Partnerschaft und Beruf zu vereinbaren, haben sie nicht. Ich glaube nicht, dass diese Frauen noch nie wütend waren über Kollegen, die frauenfeindliche Sprüche machen oder gerade einen Blondinenwitz erzählt haben.
Und welche Frau regt sich nicht auf, wenn in der Fernsehwerbung Papa ganz wichtig am Abend noch im Büro sitzt, während Mama zu Hause die Kinder ins Bett schickt. Also rege ich mich auf! Fast täglich! Wenn ich auf Fotos von Finanzminister Möllring keine Frauen sehe – dafür Möllring doppelt -. Wen Männer in Werbespots heldenhaft den Abwasch machen. Ich bin ratlos wenn Top ausgebildete Frauen ihren Beruf unterbrechen oder gar aufgeben, weil ein Kind da ist – während Männer weiter Karriere machen.
Und das Konzept "Familienministerin Ursula v. d. Leyen" finde ich auch total daneben. Wer will eine Bundesfamilienministerin, die als allererstes einen fortpflanzlichen Minderwertigkeitskomplex auslöst? Im Angesicht dieser Frau würde ich mich nicht als allein Erziehende, vollberufstätige zweifache Mutter trauen, mich vor dem Kuchenbacken für das nächste Schulfest zu drücken.
"1,2,3,4,5,6.,7 – jedes wirst du schließlich lieben", flüstert die Ministerin. "Alles möglich, wenn Du nur aufhörst, immerzu an dich selbst zu denken. Du musst es nur wollen!". Da kann ich nur schreien "ich will aber nicht!".
Ich werde meine Meinung zu Frau v.d. Leyen erst überdenken, wenn sie mit dem Familiengeld auch einen 2-monatigen Papaurlaub durchsetzt. Denn diese Forderung erheben die Gewerkschaftsfrauen seit 1982.
Rund um den internationalen Frauentag – zu viel Familie. Nichts gegen Familie – Mann – Kinder – aber den Frauentag sollten wir wieder stärker nutzen um unsere ureigensten – vielleicht auch mal ganz egoistischen Wünsche und Forderungen aufzuzeigen und weiter zum Ziel zu führen.
Es gibt keine Bewegung mehr, nur noch Frauen. Aber die beiden Treibgutstücke, die aus der Frauenbewegungszeit übrig geblieben sind, sind immer noch überraschend wertvoll.
Der Tag, um darüber nachzudenken, wie es Frauen in unserem Land (evtl. auch anderswo) geht. Die Quote, um bei jeder innerparteilichen Wahl Begründungszwang auszuüben:" Warum bitte gibt es keine geeigneten Frauen für diesen Posten?"
Die Quote in den Parteien und Gewerkschaften hat inzwischen viele mit an die Spitze gebracht, anders als in Wissenschaft und Wirtschaft.
Was Quote nicht geleistet hat: Frauen außerhalb der Parteien für Politik zu interessieren, sie zum politischen Engagement zu bewegen (nach wie vor hat die SPD nur 30 % weibliche Mitglieder) – oder auch nur dazu, den innerpolitischen Teil der Tageszeitung so oft zu lesen wie der Gatte. In dieser Frage möchte ich nie wieder Gejammer hören: Es liegt an den Frauen, wenn sie die Politik ignorieren, nicht an den Parteien oder der Ekligkeit der Macht oder an irgendwelchen "Strukturen" oder an Männern. Dies sage ich besonders im Hinblick auf den 10. September d.J., wenn Kommunalwahlen sind. Denn in den Städten und Gemeinden wird hautnah Politik gemacht (Gestaltung der Radwege, Nachttaxi für Frauen, Frauenparkplätze, Frauenhäuser usw.). Da müssen wir Frauen mitmischen.
Ungeklärt ist die Frage, warum Frauen sich mit einer so ungeheuer mickrigen "kulturellen Repräsentanz" zufrieden geben: Warum es bei all dieser neuen Bildung und dem neuen Selbstbewusstsein in Frauenliteratur, Frauenfernsehserien und Frauenpresse immer noch um Nägel und Diät und Schönheitsoperationen und Männer geht. Verkauft sich etwas intelligenteres wirklich nicht?
Zwei weiter Fragen der Rollengestaltung sind offen – und könnten, bei optimistischer Betrachtung, Anlass zu neuem Bewegungsdenken geben. Erstens: Wie soll das mit steigender Lebenserwartung immer längere weibliche Alter aussehen? Gibt es Attraktivitätskonzepte, die sich nicht im körperfixierten Jugendwahn erschöpfen? Zweitens: Schaffen die Frauen, schaffen wir es, den De-facto-Gebärstreik, zu dem sich Millionen von individuellen Anti-Kind-Entscheidungen seit der sechziger Jahre summieren, politiscvh zu wenden? Zu diesem Zweck müssten wir uns freilich erst bewusst machen, dass gesellschaftlich wirkt, was jede für sich entscheidet.
Zum Schluss, liebe Kolleginnen, fordere ich:
Männer an die
Macht!
Macht: essen
Macht: sauber
Macht: kaffee
Macht: uns nicht böse!!!